Armin Schmidt

March 29, 2007

Auf dem Friedhof ist es doch am schönsten.

Filed under: german, nonsense — Armin @ 7:51 pm

Gleich wird’s romantisch. Den Nachmittag habe ich auf dem nahen Bergfriedhof hier in der Heidelberger Weststadt verbracht, auf dem unter vielen vielen vielen Anderen auch so große Menschen wie Friedrich Ebert, Wilhelm Furtwängler, Hilde Domin oder Carl Bosch schon seit mehreren Jahren ihren permanenten Aufenthaltsort haben. Voll Leben ist dieser Ort! In den (noch kahlen) Baumwipfeln tausende Singvögel, Amseln hüpfen zankend und zeternd von (Grab-) Stein zu (Grab-) Stein. Reih and Reih stehen urwaldartige Baumriesen neben neuen antiken Skulpturen und von überall her strömt einem der frische Duft gerade voll in der Blüte stehender Sträucher entgegen. Und Blumen, überall Blumen – nicht nur die barocken Gestecke, sondern auch Frühjahrsblüher, die scheinbar wild an den Wegesrändern wachsen.

Und so saß ich da auf einer alten moosgrünen Bank im Angesicht der Familie Grathwohl, links und rechts die Ehepaare Schlegel und Dönen. Ganz gemütlich, meine neue italienische großgläsrige Sonnenbrille auf der Nase, die Sonne im Gesicht, eine leichte Zigarillo im Mundwinkel, die Zeitung in der Hand. Nur eine Pointe fehlte mir.

March 16, 2007

Lech Kaczyński ist der neue Turm von Pisa

Filed under: german, nonsense, society — Armin @ 1:51 pm

Dass Elton John dem männlichen Geschlecht nicht nur zugeneigt ist, sondern auch wie eines aussieht, ist ja nicht unbekannt. Und selbst wenn viele der gegeigten Leser nun behaupten mögen, ihnen sei das nie aufgefallen, – “Erst jetzt, wo Sie das sagen, Herr Schmidt.” – spricht das doch eher dafür, dass der Blick für’s Offensichtliche sich hier offensichtlich gewissen Verdrändungsmechanismen beugen musste. Nun ist Herr John in dieser Eigenschaft nicht allein auf der Welt, sondern bildet sozusagen ein Glied einer beinahe endlos in die Vergangenheit reichenden Kette von Phallus-Symbolen, der auch unter anderem der hinduistische Lingam, der Eiffel- und der Turm von Babel sowie der von Pisa (der ganz besonders), der Zeppelin, der Maibaum, die Zigarre, der Christstollen und die Thermoskanne angehören. Viele Menschen haben Ähnlichkeit zu anderen Dingen, einige von ihnen auch zu gewissen Körperteilen. Wieder andere, wie zum Beispiel Condi Rice oder der Künstler ehemals bekannt unter dem Namen ‘Prinz’, sehen gar nichts ähnlich, höchstens ihrer eigenen Karrikatur. Helmut Kohl sieht aus wie eine Birne. Doch wir schweifen ab.

Was nun Lech Kaczyński angeht, so zeichnet er sich vor allem dadurch aus, dass er ähnliche Assoziationen hervorruft, wie Elton John. Da er aber weder gut singen kann noch lila Kleidung trägt und überhaupt ein vollkommen anderes Zielpublikum anstrebt, ist ihm diese Eigenschaft unbewusst wahrscheinlich eher peinlich. Psycholanalytiker hätten sicherlich ihren wahren Freud daran, wir aber möchten das Thema an dieser Stelle lieber nicht so genau untersuchen, denn gerade dem polnischen Unterbewussten haben sich Andere, insbesondere in Reaktion auf eine gewisse Fau Steinbach (die wie eine Natter aussieht), in den letzten Tagen und Wochen zur Genüge gewidmet. Vielleicht aber ist es deshalb, dass Lech Kaczyński dem Küssen weiblicher Mitglieder anderer Regierungen nie besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, wie es Jaques Chirac tut. Diesem wurde kürzlich von der Süddeutschen Zeitung bescheinigt, der ‘mit Abstand beste Küsser’ und dies gerade im Vergleich zu gewissen ‘polnischen Zwillingen’ zu sein. Letztere brauchen sich deswegen allerdings wenig Sorgen zu machen, denn im gleichen wie auch in den meisten anderen Blättern wurde dem scheidenden Monsieur Président bestätigt, leider ein genauso außergewöhnlich schlechtes Staatsoberhaupt zu sein und da helfe auch das viele Küssen nicht. Herrn Kaczyński soll deshalb gesagt sein, dass es sich vergleichsweise doch vielleicht gar nicht so schlecht lebt in der Bande der normalerweise immerhin eher positiv perzipiert zylinderförmigen, ob schief, singend oder weder noch.

Finde die Unterschiede:

Elton John Lech Kazcynski Christstollen Wasserturm

March 12, 2007

Nos amis, les Français.

Filed under: german — Armin @ 12:31 pm

Die Vorbereitungen auf unseren 6-monatigen Frankreich-Aufenthalt haben wieder etwas Schwung bekommen. K. war zeitweise schon vollkommen desillusioniert, weil Bürokratie und die Kürze der Zeit ihr und uns Steine in den Weg zu legen schienen. Ein tiefsichtiger Mensch hatte mir gegenüber mal behauptet “Die Bürokratie ist in Deutschland und Frankreich gleichermaßen grauenhaft kompliziert – nur, in Deutschland funktioniert sie.” Ich will hier nicht mit irgendwelchen Details langweilen und ob die Aussage generell akzeptabel ist, sei mal dahingestellt. Tatsache ist aber offenbar, dass die Franzosen und ihre l’administration nur die Ansicht junger Weiblichkeit aus der Reserve locken kann. Nach endlosen Hin und Her war K. nun tatsächlich persönlich und bestückt mit Charme und dieser unwiderstehlichen traurig-russischen Miene zur französischen Botschaft in Berlin gefahren und, siehe da, nachdem endlos viele Emails und Telefonate nichts gebracht hatten, ging dort plötzlich alles erstaunlicherweise schnell – ein junger Mann nahm sich ihrer an, lies sich von ihrem ausländischen Akzent umgarnen und umgarnte im Gegenzug mit seinen Russischkenntnissen. Und innerhalb kürzester Zeit hatte sie nicht nur die benötigten Unterschriften, sondern auch gleich das Visum, von dem vorher noch behauptet wurde, es könne erst beantragt werden, nachdem irgendein französisches Ministerium den Fall geprüft und bestätigt habe, die Unterlagen dann zurück an Xerox geschickt und etc. pp. Naja, so sind sie, die Franzosen.* So ungefähr stelle ich mir den Mann vor:

franzose

Die Frage ist jetzt, ob der Besuch der Botschaft von gleichem Erfolg gekrönt gewesen wäre, hätte K. mich im Schlepptau gehabt. Ich befürchte es ja fast – denen ist einfach alles zuzutrauen.

Update: Wie ich erst später erfuhr, kostete das Visum auch plötzlich keine 99 € mehr, sondern ging sozusagen frei auf’s Haus. Dafür musste K. auf einmal drei anstatt, wie üblich, zwei Passbilder abgeben. Noch Fragen?

February 15, 2007

Anlaufschwierigkeiten x 2

Filed under: german, university — Armin @ 5:57 pm

Nachdem die letzen paar Wochen mit gleich mehreren säähr guten Neuigkeiten aufwarteten, hat sich bei mir mittlerweile wieder eine kühle Nüchternheit eingestellt. Da ist zum einen die Bachelor-Arbeit, deren Thema “Statistical Machine Translation between New Language Pairs via Multiple Intermediaries” sein wird. Es geht grob gesagt darum, ein SMT-System zu implementieren, das vom Russischen ins Deutsche übersetzt und dies aufgrund der Knappheit von russisch-deutschen Parallelkorpora über zwei (später drei) intermediäre Sprachen tut. Letztere sind in meinem Fall Englisch und Spanisch. Die Prüfungsordnung sieht genau sechs Wochen für die komplette Arbeit vor und obwohl ich gerade erst begonne habe, liege ich schon wieder glatt hinter dem Zeitplan. Letzteren habe ich zack-zack durchstrukturiert:

  1. Notwendige Software installieren. Moses-Doku lesen: ~4 Tage
  2. Korpora aufbereiten & Phrasentabellen trainieren: 6-8 Tage
  3. Moses-Decoder an neue Funktionalität anpassen: ~10 Tage
  4. Evaluierung: ~1 Tag
  5. Schreiben der Arbeit: 10 Tage

Im Moment halte ich mich, das klang eventuell schon aus meinem letzten Eintrag raus, irgendwie immer noch an Punkt 1 auf, genauer gesagt am ersten Teil von Punkt 1. Während ich auf Antworten auf meine Support-Requests wartete, hatte mich sogar schonmal kurz daran versucht, mich in den Source-Code von Moses reinzulesen, musste aber schnell feststellen, dass ich eigentlich nicht so richtig weiß, wo anfangen. Ich muss halt eine bestimmte Stelle im Decoder ändern, zunächst muss ich diese Stelle aber erstmal finden! Klar, die Dokumentation könnte auch an vielen Stellen etwas ausführlicher sein, aber bei einem so großen Projekt stellt sich mir generell die Frage: Wie geht man an sowas eigentlich ran? (Bitte keine Scheu bei guten Ratschlägen!)

Die nächste Überaschung war, dass sich die Arbeit an Punkt 2 meines Plans auch verzögert, weil ich keinen Zugriff auf die mein Konto am DFKI mehr zu haben scheine. Dort liegen nämlich die UN-Parallelkorpora, die ich nutzen will. Zu dumm!

Zum Ausgleich durfte ich heute das germanistische Seminar in der schönen Heidelberger Altstadt besuchen, denn ich werde im nächsten Semester Germanistik studieren. Oder? Naja, es ist nämlich so: Um das Praktikum am XRCE durchführen zu dürfen, muss man Student, d.h. immatrikuliert, sein. Da ich noch in diesem Semester meinen Bachelor-Abschluss bekomme und mit dem Master erst im Oktober beginne, sei ich also in den dazwischen liegenden sechs Monaten kein Student, behauptet man. Der internationalen Bürokratie zuliebe renne ich nun von hier nach da, um Formulare unterschreiben zu lassen, die niemals in die Hände eines Menschen geraten werden, der tatsächlich weiß, wozu sie da und ob sie überhaupt nötig sind. Ich begreife erst jetzt, warum Bürokratie so behäbig ist (und ihren schlechten Ruf verdient) – weil aus Unwissenheit und falschem Respekt sich niemand traut, mal in die Hände zu spucken und zu tun, was, Verordnung hin Bestimmung her, einfach nur Sinn macht.

February 6, 2007

Stille

Filed under: german, university — Armin @ 11:20 pm

Stille. Zwei Wochen lang klickte ich mich durch verständliche und unverständliche PDF-Dateien, beschrieb wohl an die sechzig Seiten mit Fragen und Antworten, Sichworten, Formeln, Diagrammen und Matrizen, Strukturbäumen und Aufbauschemata. Ich zermarterte mir das Hirn über unklare Herleitungen, hatte über Tage hinweg Kopfschmerzen und Magenbeschwerden. Für eine halbe Stunde entspannten Gesprächs mit zwei freundlichen Damen.

Heute morgen schlief ich lang und frühstückte spät und reichlich. Ich duschte in Ruhe und rasierte mich ausführlich. Dann bereitete ich einen Aufguss eines der intensivsten hierzulande erhältlichen Grüntees, einem Geschenk von K., setzte mich auf’s Sofa und aß ein Stück hochprozentiger Schokolade. Die pointierten Noten des Angel Song schufen eine Atmosphäre entspannter Konzentration. Ich überflog meine Notizen ein letztes Mal und trank aus.

Die Prüfung verlief ohne Zwischenfälle, das Ergebnis war sehr gut.

Was bedeutete diese halbe Stunde? Das Resumée von dreieinhalb Jahren Studiums. Kein Abfragen fachlichen Wissens, sondern Examination persönlicher Fähigkeiten. Nach ihr ein Plateau, dessen Existenz man immer sicher, das aber immer zu weit weg war, als dass man es hätte tatsächlich begreifen können. Ich sehe diese Zahl vor mir, meine Note, und weiß, sie hätte besser kaum sein können. Sie sagt mir nichts.

January 10, 2007

Deutschlands Nummer Eins!

Filed under: german, university — Armin @ 2:37 pm

Die 2006er Ausgabe des Times Higher Education Supplement stellt der Universität Heidelberg den Rang 58 unter den 200 Spitzenuniversitäten weltweit aus. 44,3% der Punkte erhält sie, 100% schafft allein Harvard. Könnte besser sein, denkt man sich, aber immerhin. Doch siehe da: Von den deutschen Unis liegt Heidelberg vorn. Wir sind Deutschlands Nummer 1! Und dabei keine Exzellenzuniversität.

Aber wie dem auch sei – was die Computerlinguistik im deutschlandweiten Vergleich angeht, so gelten sowieso andere Maßstäbe. Fragt man unter NLP-Profis nach, so liegt Heidelberg komischerweise immer irgendwie ganz weit hinten. Vorn steht normalerweise Saarbrücken. Stuttgart, Tübingen, Potsdam, Bremen verteilen sich irgendwie auf den darauf folgenden Plätzen. Verwunderlich ist das nicht wirklich, denn an der CL Heidelberg findet schon seit einer Weile keine Forschung mehr statt und personelle sowie strukturelle Schwierigkeiten lassen momentan keine Entwicklung zu. Änderung ist vorerst nicht in Sicht. Dabei ist die Lehre, obwohl natürlich auch sie unter den genannten Missständen leidet, dort gar nicht schlecht – das Kursangebot fördert starke theoretische Grundausbildung, ist reichhaltig genung, ausgewogen und steht Seminaren anderer deutscher Unis in Nichts nach, im Gegenteil. Ein tatsächliches Manko und Resultat fehlender Forschungsgelder (und fehlender Forschung) aus studentischer Sicht ist der Mangel an HiWi-Jobs und Praktikumsmöglichkeiten. Studenten auf Draht finden aber immer etwas, allein die Nähe zu Einrichtungen wie dem EML oder Firmen wie SAP bieten genügend Möglichkeiten und auch ein wenig Reiselustigkeit schadet dem modernen Studenten nicht.

Das Verhältnis der Kompetenz von Studenten zum Ruf ihrer jeweiligen Unis folgt einer einfachen, zirkulären Logik: wenn die Uni einen guten Ruf hat, werden sich mehr Studenten dort bewerben und desto strenger sind die Auswahlkriterien zur dortigen Zulassung. Wer also gute Noten aus der Schule mitbringt, hat die besseren Chancen, an einer guten Uni angenommen zu werden und über ein paar Umwege steigt damit wiederum der Ruf der Uni. Trivial? Klar, aber es werden auch einige Dinge ausblendet: Zum einen sind Schulnoten noch nie eine Garantie für Intelligenz oder Talent gewesen. Vor allem aber ignoriert dieser Gedankenkreis die Tatsache, dass auch weniger berühmte Unis hohe Ansprüche an ihre Lehre haben können und helle Köpfe nicht unbedingt von Elite-Unis kommen müssen, die viel teure Forschung betreiben. Es gibt schließlich auch für talentierte Studenten durchaus Gründe, nicht an einer Elite-Uni zu studieren, aus örtlicher Abhängigkeit von Job oder Familie, zum Beispiel.

Arbeitgeber sollten Hochschulrankings einfach ignorieren. Sie sagen nichts über die Qualifikation eines Bewerbers aus. Ein guter Student ist unabhängig von seinem Institut und der Großteil der fachlichen Bildung wird außerhalb der Uni erlangt. Gerade im globalen Zeitalter mit technischen Möglichkeiten, welche die Kommunikationswege zwischen Unis, Ländern und ganzen Kontinenten verschwinden lassen, ist es leicht möglich und wichtig, interessiert zu sein, Kontakt zu Fachkollegen über Weblogs aufzunehmen, sich über Mailinglisten auf dem Laufenden zu halten oder auch aktiv an Debatten teilzunehmen. Zumindest was die Selektion qualifizierter Studenten angeht, verfehlen Hochschulrankings den Geist der Zeit. Und ob ihre Aussagekraft, gerade in Anbetracht ihres allgemeinen, fächerübergreifenden Charakters, jemals einen hohen Wert hatte, bleibt zu bestreiten.

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